Erinnerungen und Berichte Teil 2

Das Kriegsende in Köpprich,  die Vertreibung und der Neuanfang

Ein Bericht von Ella Kaufhold geb. Herrmann aus Köpprich, Siedlung Nr. 4

(Dieser Bericht wurde von Bernhard Grolms eingereicht. Ella Kaufhold Köpprich ist am 14.12. 2015 verstorben.)

 

Am 08. Mai 1945, abends gegen 19:30 Uhr, schallte es durchs Dorf: Wumm, Wumm; die Leedenbrücke war gesprengt, das erste Zeichen vom Kriegsende.

Am anderen Morgen soll die SS in Volpersdorf noch geschossen haben. Bei uns, in der Siedlungsstraße gingen auch Soldaten durch. Alle Häuser hatten weiß geflaggt (Betttücher), die wurden aber wieder ausgewechselt auf Befehl der SS; dann kam wieder weiß, und da war der Krieg zu Ende (bei uns am 09. Mai 1945).

Es war ein herrlicher Maientag. Im Gefangenlager der Russen lief schon ein Natschalnik (russischer Gefangenenaufseher) mit blutendem Kopf herum. Er war von den eigenen Mitgefangenen gerichtet und wurde auch im Wäldchen beerdigt. Wir Kinder hatten keine Angst vor den Gefangenen, uns taten sie nichts.

Dann ging die Runde, die Gefangenen und Polen (Zwangsarbeiter) haben Schnapsfässer aus der Grube hoch geholt und der wurde bei der Barbarahütte verteilt. Ich holte auch eine Milchkanne voll.

Dieser Schnapssegen aktivierte auch einen polnischen Zwangsarbeiter im Sammellager, in der neuen Schule (für Reststoffe und Metall) nach etwas zu suchen, und er fand einen Krummsäbel, mit dem er siegesschwenkend durchs Dorf rannte. Es war im Nu wie ausgefegt. Der Säbelpole kam zum Hof, wo Welzel Erika wohnte und die ihr Kind im Kinderwagen auf dem Hof stehen hatte. Er begrüßte Mutter und vor allem das Kind und zog dann von dannen. Wir (Mama und Tante Martha) sahen das von unserem Wäscheplatz aus. Wir waren froh, dass wir das Wochenende vorher, nicht wie empfohlen, durch die Tschechei geflüchtet waren, angeblich nach Bayern, aber sicher in den Tod.

Mitte Mai begann der Rückzug der russischen Armee. Die Soldaten lagerten in Volpersdorf und auch in Köpprich, am Ende der Siedlung am Wasserspeicher.

Von Volpersdorf aus kamen sie plündern. Bei meiner Tante wurde eine Zudecke abgezogen und der Kleiderschrank-Inhalt hineingeleert. Sie hatte kein Kleid mehr, zur Beerdigung unseres Hauptlehrers Schmelz zu gehen; sie musste sich eins leihen.

Die Soldaten von unserem Lager beschäftigten alle in der Siedlung mit Wäsche-waschen und -kochen. Die Frauen liefen wie alte Hexen herum und sahen immer verängstigt aus. Ob es zu Ausschreitungen kam, das weiß ich nicht.

Schon Ende Mai, - Anfang Juni 1945 kam Miliz in unser Dorf; ich kannte Rybok und Dutschmann, die in unserer Nähe wohnten. (Rybok und Dutschmann kamen aus Oberschlesien). Die Tochter von Rybok wohnt heute noch in der Walter-Wohnung Nr. 4a.

Es kam Hunger und teure Zeit. Papa ging zur Leedenbrücke arbeiten, denn sie musste ja wieder aufgebaut werden. Mit 34 einbetonierten Holzpfeilern wurde der Ersatz geschaffen. Wir Kinder gingen betteln bei Bauern, meist ohne Erfolg; auch Ährenlesen oder Garbenklauen, mit noch weniger Erfolg. Es war schlimm; zu Weihnachten 1945 gab es Klopse aus Weizenschrot mit Kartoffelbrei und Sauerkraut. Super!

Nun kam das Jahr 1946, und es fingen die Vertreibungen in den verschiedenen Dörfern an. Bei uns ging es Mitte Mai los. Ungefähr 350 Personen waren es wohl, alles nur alte Leute und Frauen ohne Männer mit ihren Kindern. Meine Tante (Schönbrunn) mit Regina und Lydia waren auch dabei. Mein Papa hatte mit Tante Martha ausgemacht: Wenn Du schreiben darfst: sehr gut ist gegen Osten und gut nach Deutschland. Es wurde uns ja nichts gesagt, wohin es ging. Nach Monaten bekamen wir die Nachricht: „gut“ – also Deutschland, da waren wir froh.

Nun waren wir also alleine in dem Haus-Nr. 4, aber nicht lange. Wohl noch Ende Mai ging der polnische Bürgermeister mit einem Milizer in der Siedlung von Tür zu Tür und teilte uns mit, die Siedlung wird geräumt. Alle noch verbliebenen Deutschen im Dorf werden umgesetzt und somit wurde sie frei für die Franzosen-Polen aus Lille. Es wurden Arbeiter für die Grube gebraucht.

Die Anordnung lautete: Alles bleibt, geordnet aufgeräumt, mit Tischdecke. Nichts mitnehmen, nur Kleidung. Anderen Tag fertig, da kam die Kontrolle. Es war ein Drama. Wir mussten ja nachts etwas schmuggeln. Ein Sofa für mich und Mamas Nähmaschine und auch den Reisekorb mit Wäsche.

Wir und Walter kamen ins Wolf-Haus, das sicher älteste im Dorf oberhalb vom Gasthaus, (jetzt ist es weg).

Walters bekamen rechts die Stube mit Kachelofen, und wir die links ohne Ofen. Aber wir hatten gute Möbel von Blanda. Dazu kam unser Sofa und die Nähmaschine, die uns später zum Verhängnis wurde. Wir mussten also eine Zeit bei Walters kochen und auch Wasser gab es nur auf der Seite. Es war schlimm. Ich sah den Walter Franz bestimmt drei Tage vor dem Ofen sitzen und weinen; er war ein gebrochener Mann.

Papa ging zum Ofensetzer Konrad Schmidt und erbettelte Zubehör für einen Kochherd, den er dann selber baute. So konnten wir bei uns kochen. Wir waren wieder selbständig. Da hatte eine Polin die Nähmaschine entdeckt und forderte Mama auf, ihr eine „bijaue“ Schürze zu nähen. Wir hatten etwas blauen Stoff und Mama nähte ihr also eine Schürze. Als sie die Schürze abholen wollte, bekam sie einen Wutanfall und schrie: bijau, bijau. Mama war ganz verzweifelt und sagte ganz kleinlaut, ist die nicht blau genug? Nein, es war die Sprache schuld, bijau = weiß. Die Polin wollte eine weiße Schürze, denn sie arbeitete ja in der Küche.

Das muss Anfang Juli gewesen sein. 2 – 3 Tage später mussten wir zu Stache in ein Zimmer umquartieren, aber Nähmaschine und alles andere bleibt stehen. Das war’s dann. Wir hatten sowieso nur noch etwas Kleidung – Papas Arbeitszeug – und den gepackten Reisekorb mit Wäsche; schon seit wir fliehen sollten, immer griffbereit.

Nachdem die Bahnbrücke fertig war, kam Papa zur Waldarbeit. Er bekam 600,- Zloty, aber 1 Kilo Speck kostete auch 600.- Zloty. Einmal bekamen 2 Waldarbeiter 1 Carepaket, pro Nase 24 Büchsen. Jede Büchse war eine Überraschung, denn wir konnten ja nicht Englisch. Wir haben gestaunt, was es da alles gab. Einmal bekamen wir auch ganz fettes Fleisch, komisch für uns. Und einmal bekamen wir eine Büchse Erdnussbutter. Da gab es den ersten Streuselkuchen und auch den einzigen in der Polenzeit. Ich hatte durch Himbeerpflücken Mehl und Zucker verdient. Ich hatte ja keine Schule, denn zu der Zeit gab es für deutsche Kinder keinen Unterricht. Mama hat immer dafür gesorgt, dass ich viel lese (meist geborgte Bücher) und hat auch mit mir gerechnet. Das ist ein trauriges Kapitel. Durch die Kirche hatten wir etwas Halt. So wurde im August 1946 in Volpersdorf die Firmung durchgeführt. Es kam der Weihbischof Dr. Josef Ferche aus Breslau; er kam später nach Köln.

Meine Firmpatin war Anna Schloms und ihr Mann hatte den Martin Gottwald. Sie schlachteten ein Kaninchen und so wurden wir sehr gut bewirtet. Viel später bekam ich einen Kleiderstoff von meiner Patin geschenkt. Das war dann in Johanngeorgenstadt, wohl 1949, als ich dort zu Besuch war. Die Firmung war damals der Höhepunkt des Jahres für uns. Nebenher verlief alles so, ein Tag wie der andere.

Meine Mama war ja schon sehr lange an Rheuma bzw. Gicht erkrankt und so musste ich mich um Vieles kümmern. Bei sehr vielen Hausarbeiten musste ich ihr zur Hand gehen. Es war alles sehr beschwerlich. Mit Frau Stache war ich im Herbst in Peterswalde zum Kartoffelnlesen, da habe ich unsere Winterkartoffeln verdient. Die Bauern vom Lande, also auch von Peterswalde, kamen mit ihren Pferdegespannen und Wagen zu uns auf die Grube nach Kohlen. Sie suchten Arbeiterinnen für die Kartoffelernte und nahmen uns mit. Nach 8 – 10 Tagen kamen wir wieder mit dem Bauer zurück, und der holte sich wieder eine Fuhre Kohlen. Das klappte, und so kamen auch unsere verdienten Kartoffeln mit nach Hause. Der Bauer hatte eine deutsche Frau. Wir waren da sehr gut versorgt, vor allem mit Essen. Herrliches Brot! Auch war ich mit Papa Bucheckern sammeln, damit er das Soll schaffte.

Sehr oft kamen der Hauck-Steiger und Frau zu uns zu Besuch, da haben wir unsere Lage eingeschätzt. Das sind unvergessene Abende. Immer bis 21:30 Uhr, ab 22:00 war Sperrstunde. Wir hatten auch zwei sehr gute Polen, die uns unterstützten. Leopold und vor allem Stanislaus. Seine Frau war in der Grubenküche und so bekamen wir immer Essenmarken, so konnte ich jeden Tag 2 Essen für uns holen. Dabei ging ich immer die Siedlungsstraße hinunter. Einmal sprach ich die Frau in unserer Siedlung an, es war die Mutter von der Lili. Sie ließ mich gleich in den Garten und auch nach oben zu uns, wegen der Aussicht bis zum Königswalder Spitzberg. Durch die Mutter kannten mich nun auch die Töchter, und so wurde ich 1967 bei meiner 1. Heimreise gleich freudig begrüßt. Die Mutter ließ mich immer wieder in den Garten.

Eine Episode noch zur Erheiterung. Es kam Weihnachten 1946, und das nächste Frühjahr rückte ran. Wir durften nur 1 Henne haben, hatten aber 2 gerettet. Also kam eine immer auf den Boden und eine wurde rausgelassen. Später bei Stache, hatten wir nur noch unser schwarzes Puttla. Jeden Morgen kam es auf die Wiese in Richtung Gasthaus. So wie der polnische Hahn sie erblickte, setzte er im Dauerlauf auf sie an und ich schrie: Mama, Mama, der polnische Hahn macht unser Puttla tut. Ich wusste noch nicht, dass er Puttla besonders liebte. Man möge mir verzeihen.

1946 im Oktober und November kamen noch einmal viele Leute aus unserem Dorf weg. Vor allen Dingen nach Niederschlema und Johanngeorgenstadt. Nun kamen wir an die Reihe. Erst sollte Papa nach Breslau zum Aufbau, aber er verweigerte es, damit ich noch zur Schule kam. Spät, aber doch immer Angst und Warten. Am 16.06.1947 war es so weit, dass sich unser Haufen sammelte. Wir hatten für einen Pferdefuhrwerk Platz für Mama auf dem Gepäck. Die Eheringe und Papas Ring mit schwarzem Stein dafür geopfert. Papa hatte die Ringe am Tag vorher zum poln. Förster gebracht und die „Bezahlung“ ausgehandelt. Das Gespann war vom Forst. Dann ging die Karawane bis Glatz zu der berühmten Holzplatzkaserne, 30 Personen mit Gepäck in eine Stube. Wir hatten Pech, wir hatten eine Doppelstube, also 60 Personen, und das sicher 2 Wochen lang. Ich kann mich ans Essen kaum noch erinnern – aber Wassersuppe und trockenes Brot vergesse ich nicht. Dort kampierten wir eine ganze Zeit, bis es hieß, heute ist Kontrolle und ab zum Bahnhof. Wer Glatz kennt, weiß, was das für eine Tour zum Bahnhof hoch ist. Wir organisierten einen Leiterwagen für Mama und schafften alles bis zum Zug. Pro Viehwaggon 30 Personen. Wir waren ein Transport von 1.500 Personen. Alle Waggons waren bepackt und alles verstaut. Die Nacht verging und früh hieß es, alle wieder raus, die Waggons werden anderweitig gebraucht. Es war ein Theater, und wieder zurück zur Kaserne. Es verging die 2. Woche und alles fing von vorne an. Was blieb uns damals übrig? Alles wurde wieder verstaut, auch die Kranken, und am Tag darauf ging die Fahrt wirklich los. Wir zockelten langsam durch Neurode und dann, welch ein Trauerspiel, über unsere Bahnbrücke (Leedenbrücke) mit dem Abschiedsblick nach Köpprich. Davor oder danach hielt auch der Zug an. Da kam Frau Konitzny, (der Mann war zu der Zeit Betriebsleiter auf der Barbarahütte) aus Köpprich und brachte uns geschmierte Brote. Es war wie ein Abschiedsessen.

Weiter ging die Fahrt bis Kohlfurt. Dort fand die erste Entlausung statt (DDT). Wenn ich es noch richtig im Kopf habe, ging es dann weiter bis Hoyerswerda. Dort bekamen wir eine warme Suppe, die uns vom Roten Kreuz serviert wurde. Das lohnt die Erinnerung. Eine weitere, die ich nie vergessen werde: In Hoyerswerda stand ein Zug (auch Viehwagen) mit Kriegsgefangenen. Eine Frau Bonke ging von Waggon zu Waggon und frug nach ihrem Mann. Das Wunder geschah, es fielen sich auf den Schienen zwei Menschen in die Arme, - unvorstellbar, ich sehe sie heute noch vor mir und fasse es nicht. Die Fahrt ging weiter bis Altenburg. Wieder eine Station mit Entlausung, Kleiderdesinfizierung und Dusche. Jungs ohne Vater bei der Mutter! Damals kannten wir FKK noch nicht und es war für manche Oma peinlich.

Die nächste Fahrt führte uns über Erfurt in den Tunnel vor Oberhof. Für viele eine Qual, die nassen Tücher reichten bei dem Qualm nicht aus. Wir waren im Waggon 30 und hatten das Glück, fast draußen zu sein. Nach einer längeren Pause ging es endlich weiter bis Suhl – Heinrichs. Im ehemaligen Simson-Werk wurden wir untergebracht, in einem riesigen Fabrikgebäude aus der Nazizeit, in Sälen zu 600 und 300 Personen, aus dem Transport von 1.500 Personen, aus 50 Viehwagen. Das bisschen Gepäck wurde besonders verstaut und verschlossen, aus Vorsicht vor gegenseitiger Stehlerei.

Wir hatten in den Sälen Pritschen aus Holz, doppelstöckig, mit altem Stroh im Juli und natürlich mit Wanzen. Es war grausam. Unsere Männer forderten, dass alles Stroh raus kam und verbrannt wurde. Wir schliefen dann auf unseren Decken und Kopfkissen, auf den Brettern. An das Essen dort erinnere ich mich nur mit Schaudern; aber wir wurden des öfteren geimpft, vielleicht auch gegen Hunger. Bis zum 02. August saßen wir dort fest. Es fing die Aufteilung an, wo wir hingeteilt wurden. Sicher keine leichte Aufgabe zu der Zeit. Ein Pferdefuhrwerk wurde zur Verfügung gestellt, für je eine Familie nach Mäbendorf, Dietzhausen, Wichtshausen, Dillstädt und Rohr. Unvorstellbar, die Leute mussten ja denken, es kommen Zigeuner. Uns traf es mit dem Ort Dietzhausen. Vor dem uns zugewiesenen Haus saßen wir von 13:00 – 19:00 Uhr vor der Tür. Mama hatten die Leute einen Stuhl gebracht. Papa musste die Polizei holen, die uns dann in zwei Zimmer brachte; nach einem Drama! Leider gehört es dazu. Die Leute waren aber später sehr gut zu uns, das muss ich sagen.

Diese Odyssee dauerte vom 16. Juni bis zum 02. August 1947!  6 Wochen!

Unser neuer Lebensabschnitt in Dietzhausen war schwierig. Wir haben ungefähr 4– 6 Wochen auf dem Fußboden geschlafen, nur Mama nicht. Dann bekamen wir Bettgestelle zu kaufen aber nur mit Brettern, das waren wir ja gewöhnt vom Lager.

Papa hatte sofort Arbeit und ich ging ab September in die Schule. Dank meines sehr guten Lehrers habe ich die 8. Klasse geschafft. Trotz großem Schulbücher- und Heftemangel habe ich mich durchgekämpft. Ich hatte kein einziges Schulbuch und musste sie mir für die Hausaufgaben leihen; jeden Tag, wenn Christa Ripperger mit den Aufgaben fertig war, durfte ich sie mir holen. Ich habe meistens bis nach 21:00 Uhr Schularbeiten gemacht. Ich hatte zu kämpfen und ständig Hunger. Schulbrote hatte ich nie, die Ration war schon zum Frühstück weg.

So nach und nach wurde die allgemeine Lage besser. Wir bekamen eine andere Wohnung; die Leute waren auch sehr gut zu uns. Ich wurde öfter zum Essen eingeladen. Die „Hiesigen“ waren ja nicht so arm dran wie wir, alle hatten Gärten, Felder und Tiere. Laut Zählung gab es im Dorf damals 400 Ziegen, die hätten über 100 Kühe ausgemacht, aber mit Lieferpflicht. So sorgten alle Einheimischen nur für sich.

Mit dem Schuljahr begann auch der Religionsunterricht für mich. In meiner Klasse waren zwei katholisch, und in der 7. Klasse noch eine Schülerin. Gott sei Dank, war unser Hauptlehrer auch kath. Aus dem Sudetenland, da hatten wir eine Stütze. Wir wurden oft gehänselt, es kam ja zusammen: Flüchtlinge und katholisch. (Vertriebene gab es in der DDR nicht, nur Umsiedler). Als die Zeit der Konfirmation heranrückte, bekamen alle Klassenkameraden einen Bezugsschein für ein Kleid oder Anzug – nur ich nicht. Unser erster, sehr bekannter Kommunist im Dorf frug mich bei einem Treffen: Na Mädle, hast du dir auch ein schönes Kleid gekauft? Ich antwortete, ich bekam keinen Bezugsschein, ich bin doch katholisch. Er hat sofort dafür beim Bürgermeister gesorgt, dass ich einen Bezugsschein bekam. Es war üblich, dass die Konfirmanden für eine Abschlussfeier im Dorf sammelten, doch dazu wurde ich auch nicht eingeladen, wohl aber der Junge, der schon seit 1945 mit zur Schule ging. Ich merkte es, ich bin noch fremd. Jetzt, bei Klassentreffen, herrscht große Herzlichkeit.

Anfang der 50er Jahre mussten wir noch einmal umziehen und haben in der 3. Wohnung bis 1971 gewohnt.

Nach hauswirtschaftlicher Berufsschule in Suhl arbeitete ich im VEB Simson Suhl, in der Lohnverrechnung. Dort machte ich auch einen Schreibmaschinenkurs. Das war bis 1960. 1960 warb mich die CDU für ihre Dienststelle in Zella-Mehlis. Dort war ich dann bis 1971. Zu beiden Arbeitsstellen habe ich fast nur gute Erinnerungen, die paar schlechten waren politischer Natur.

1963 starb mein Vater. Er ist in Dietzhausen beerdigt. Meine Mama war ja krank und sehr behindert, ich habe sie im Sommer im Leiterwagen durchs Dorf gezogen und im Winter auf dem Schlitten, ganz selten, aber damit sie sah, wo wir wohnen. Damals gab es leider keine Rollstühle und erst gar nicht die herrlichen Fahrzeuge, die es heute für Behinderte gibt. Da bin ich neidisch.

Wir hatten sehr viel Kontakt mit unserem Pfarrer, der von Suhl aus für Suhl-Land zuständig war. 1971 ging er in Ruhestand nach Walsleben und er bot mir an, seine Haushälterin zu werden. Ich konnte meine Mama mitnehmen, so entschloss ich mich dazu. Im November 1971 bewältigte ich dann den Umzug. Das kann ich gar nicht schildern, ein Drama für mich. Es folgten 3 harte Jahre an Erlebnissen. Mama hatte 1973 einen Schlaganfall und starb 1974 im März. Der Pfarrer Dr. Loos starb nach mehreren Krankenhausaufenthalten in Erfurt, auch dort im Juli 1974. Nun war ich allein. Es ging der Kampf um eine Wohnung, denn aus dem Pfarrhaus musste ich ausziehen. Wohin? Kirchens stellten sich quer. Mir wurde empfohlen, das Angebot der CDU in Erfurt anzunehmen und dadurch auf eine Wohnung im Neubaugebiet zu warten. Das tat ich auch. Im April 1976 bekam ich meine Wohnung in Erfurt und schwor mir, nur mit den Füßen zuerst werde ich aus dieser Wohnung getragen. Es kam anders. 1976, eigentlich gleich 1977, lernte ich meinen Mann kennen. Er war Witwer, mit 5 erwachsenen Kindern und 4 Schwiegerkindern und schon 6 Enkeln. Vier davon streuten uns bei der Hochzeit Blumen. Wir haben beide sofort gewusst, dass wir zusammen gehören. So kam ich 1978 nach Mühlhausen in eine große Familie, die mich auch alle mochten, bis heute. Mein Mann war super, eichsfeldisch kath., hatte eine gute Arbeit und bat mich, nicht zur Arbeit zu gehen. Er wollte verwöhnt werden. Wir hatten ein schönes, zufriedenes Leben. Es ging mir mit ihm sehr gut. 1989 ging er in Rente und wir hatten Zeit, unseren großen Garten in Büttstedt zu genießen. Leider wurde er 1995 sehr krank und 1996 operiert. Nach weiteren 5 harten Jahren starb mein Mann im Nov. 2000. Alle Kinder halten nach wie vor zu mir. Ich habe keine Probleme, auch nicht durch meinen Freund, den ich 2005 bei einer Reise (Wallfahrt) nach Annaberg in Oberschlesien kennen lernte, einen ehemaligen Liegnitzer, mit dem ich die Wochenenden teile, aber auch Reisen und Fahrten nach Hause. Schon 3-mal waren wir in Köpprich, natürlich bei Lili in der Siedlung Nr. 4. Seinen 80. Geburtstag haben wir in Antoniewald gefeiert, mit beiden Familien. Es war ein tolles Fest. Ich lege einen Zeitungsartikel bei. Wenn ich meinen 80. erleben sollte, dann möchte ich auch in der Grafschaft feiern. Mal sehen und es dem lieben Gott überlassen.

 

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